Pferde aus dem Stall Eden

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Darf ich vorstellen? Dem Ältesten gebührt das Recht die Geschichten zu erzählen.  Gringo ist mein Name und nicht mal Susanna, die sonst jeden Namen abkürzt, schafft es, dieses Wort zu verkürzen. Mich erkennt jeder an meinem gestutzten Schweif. Vor ein paar Jahren noch zogen alle Platzrichter den Kopf ein, wenn ich über die Sprünge hechtete und ein verhaltenes Aaah kündigte mich bei der Juri an, schaut, wer eintrudelt, der mit dem kurzen Schweif. 
 

Apropos Kühe, ich liiiiiiiebe sie. Während das Weichei von Kumpel Filli beim Anblick der süssen Muhers Herzrasen und Panik kriegt, bringt man mich kaum von deren Weiden weg. 
 

Ungern geb ich´s zu: Heutzutage zottle ich durch die Innerrainer Wäldle im feinsten AHV-Tempo und nur wenn die wilde Landsmännin Jerezana mit von der Partie ist, lasse ich meinen Turbo nochmals auf Hochform auflaufen. 
 

Eine sogenannte Pferdekommunikatorin fragte mich bei meiner früheren Futtergeberin, was ich wolle, also entgegnete ich geradeaus: Faulenzen. Also zügelte ich 2008 mit Sack und Pack zu Lilith, wo die Pferdeflüsterin gestaunt hätte, wie Pferde gut lügen, schummeln können. Sei´s drum, für meine jetzige Fressgeberin schlage ich Purzelbäume, um es ihr Recht zu machen, zumindest fast immer. 
 

Links neben mir posiert das Barbierössli Fillipo, kurz Filli. Gewöhnlich sind wir Freunde, aber an der kleinen Ponystute Lenchen scheiden sich die besten Geister. Kürzlich erdreistete sich die Blondine, das Stütchen für sich beanspruchen zu wollen, dem musste ich natürlich Paroli bieten, sodass ich meinem einstigen Ruf eines Teufelsassas nochmals gerecht wurde, auf die Hinterbeine stieg, um meiner etwas angekratzten Autorität Ausdruck zu verleihen. Lenchen genoss die Buhlschaft selbstverständlich, aber irgendwann wurde der Kraftakt sogar dem fitteren Filli zu viel, der mir mit seinen 22 Jährchen haushoch unterlag (oder?) . 
 

Ansonsten darf man nicht schlecht über ihn reden, er dreht geduldig mit den Kindern Runde um Runde, sei´s im Voltige oder in der Reitstunde. Hämisch lachend stehe ich dann in der Mitte und tue altersangepasst zickig, dafür bin ich draussen im Wald die Ruhe in Person.
 

Zu Filli sei noch zu sagen, dass er ein Heutoy-Freak ist. Er ist Weltmeister in der Diszplin im Heutoy-auf-den-Kopf-stellen. Der zehrt so lange an dem Ding herum, wirft es herum, bis es doch tatsächlich eines Nachts kopfüber festklemmte. Da staunte Lilith am Morgen nicht schlecht. Der Gerechtigkeit halber muss ich zugeben, dass Filli der mutigere und bessere Schwimmer ist als ich, was mich ehrlich erstaunt, wo doch böse Zungen behaupten, Wüstenpferde jede Pfütze scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Aber da er nur ein halber Berber ist, kommt das wohl hin, die andere Hälfte ist ein Quarter Horse. Neidisch gebe ich zu, dass die Blondine sagenhaft tolle Gänge hat. Zähnefletsch, seit jüngstem fehlt da vorne einer, muss mir also zukünftig gut überlegen, wie ich ein beeindruckendes Selfielächeln zustandebringe.
 

Rechts im Bild, unschwer zu erkennen am schwarzen Fell, rückt mir die gute Sirikiit auf den Leib. Eine Tierkommunikatorin hat ihr mal den Floh ins Ohr gesetzt, sie stehe auf ältere Herren, nun muss ich das ausbaden. Ausnahmsweise stammt die Abkürzung Siri nicht von Susanna, wer sich den Namen ausgedacht hat, musste den wohl nie aussprechen. Aber irgendwie assoziere ich die Ansammlung des Vokals i mit „Schwierigkeit“, vielleicht in Inuit, Sibirisch oder Mittelalter-Trakhenisch. Die Frau klebt praktisch an mir, obschon ich ihr schon klar gemacht habe, dass ich auf die Alenia stehe. Wenn ich sie wieder mal hab abblitzen lassen, schiebt sie in einem ihrer Tobsuchtsanfälle die Wassertonne quer über den Platz und stampft wütend mit dem Fuss auf, was ihr meinerseits kaum mehr Aufmerksamkeit einbringt. 
 

Sie beherrscht zugegebenermassen einige beeindruckende Tricks, die ihr ihre Besitzerin Debbie in langer Geduld beibrachte. Das mit dem Küssen finde ich echt etwas stütelig ätzend und eitel, aber es zieht bei den Zweibeinerinnen definitiv. Da regnet´s dann tausend Jöööös und ich stehe baff und neidisch daneben. Hab ich´s schon gesagt? Siri ist soooo rund wie die Wassertonne und welcher echte Kerl mag schon so was? Ups, da steckt was falsch in meiner Denkschlaufe, Lenchen ist auch n bisserl zu dick, aber so auf die lieblich-herzige Art halt. Capito?
 

Dann wäre da noch Jerezana, von deren Heissblütigkeit ich ganz entzückt bin und doch frage ich mich, ob das nicht etwas anstrengend ist, immer so rumzutänzeln auf Ausritten? Dann hüstelt sie geziert und flüstert mir fies zu: „Alterchen, probier´s gar nicht erst mit mir mitzuhalten.“ Was so gemein ist! Dabei hat sie hierarchisch gaaar nix zu sagen, nur weil sie beim Schwimmen tut, als wäre sie ein Seepferdchen! Der Chef bin immer noch ich. Oder Siri. Deshalb hat sie sich auch mit Siri verbündet. Frauenzeugs halt! Aber manchmal schiele ich ihr schon hinterher, elegant und majestätisch wie sie daherstolziert, erinnert sie mich an meine goldenen, besten Tage. Sie und ihre Reiterin, Alina, sind ein tolles Team, beeindruckend, dass Alina sich von ihrem Gehabe nicht beeindrucken lässt. Eine echte, heissblütige Spanierin halt, die Jerezana,  eine Flamenco-Tänzerin auf vier Beinen. Jeden Stier würde sie das fürchten lernen. Jeri könnte an einem Seifenkistenrennen teilnehmen. Sie übt deshalb täglich mit der Heukiste, die sie unermüdlich herumschiebt.
 

Schliesslich möchte ich euch von meinem Liebchen Alenia, auch Lenchen genannt, erzählen. Sie ist ein Wonnepfropfen, ein Beispiel, dass nicht alle Ponys frech sind. Obwohl sie erst einige Monate hier in unserer Herde lebt und schon acht Jahre auf dem Buckel hat, lernte sie erst von Lilith alles, was ein gutes Hüü ausmacht: longieren, an der Hand spazieren, frei longieren, voltigieren, springen. Alles geht sie mit viel Elan an und ist der Sonnenschein im Stall. Filli und ich nehmen sie unter unsere Fittiche, wenn die beiden grossen Stuten an ihr rummeckern und vom Heu fortjagen. Lenchen liegt am Mittag immer platt auf dem Boden und sonnt sich, streckt ihr Hinterbeine von sich, die abstehen, weil der Bauch zu rund ist. Nur Lilith darf sich dann zu ihr setzen, um ein Foto zu schiessen, bei allen anderen steht sie sofort auf. Und sie ist auch diejenige, die immer alle freudig wiehernd begrüsst, wenn jemand in den Stall kommt, allen voran natürlich Lilith, die ihr hier ein neues, abwechslungsreiches Dasein ermöglicht. 
 

Nun bleibt nicht mehr viel zu sagen, ausser, dass der Stall Innerrain nicht nur „Eden“ heisst, er ist ein wahrhaftiges Pferdeparadies. Komm uns besuchen! Wir freuen uns, dich kennenzulernen

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Text: Susanna Stalder 

 

Pferdehof Eden